Kopfbereich

Direkt zum Inhalt Direkt zur Navigation

Inhalt

Magma - Same PDF Drucken E-Mail
28. September 2006

 

 

 

 

 
1969 war der französische Jazzschlagzeuger Christian Vander auf der Suche nach Musikern, die mit ihm gemeinsam spirituell sowie intellektuell befriedigende und erfüllende Musik kreieren und spielen wollten, ganz nach dem Vorbild des von ihm so bewunderten John Coltrane und sich von der von ihm als leer empfundenen zeitgenössischen französischen populären Musik absetzend. Er fand solche Mitstreiter in der Pariser Szene, z.B. in der Bläsergruppe Johnny Hallydays(!). Da Vander die französische Sprache für seine Vision als zu wenig ausdrucksstark empfand, erfand er kurzerhand seine eigene und mit dieser ein utopisches Science-Fiction-Szenario, das sowohl die Sprache erklärte als auch seine spirituellen Ziele erläuterte. Den ersten Teil dieses Mythos, die Reise zum Planeten Kobaïa, erzählt das erste "Magma"-Album, das manchmal auch mit "Kobaïa" benannt wird:

Ferne Zukunft. Die Erde ist im Chaos versunken und Leben und Zivilisation stehen kurz vor der Zerstörung. Eine kleine Gruppe Erdlinge macht sich mit einem Zwischenstop auf dem Planeten Malaria auf zum fernen Planeten Kobaïa, zu dem sie schliesslich gelangen und dort Glück und Schönheit finden. Schliesslich kehrteine Gruppe von Abgesandten von Kobaïa zurück zur Erde, um dort die frohe Botschaft von Kobaïa zu verkünden; die Botschafter werden aber von den auf der Erde zurückgebliebenen feindlich empfangen und kehren wieder nach Kobaïa zurück.

Die Musik zu beschreiben, fällt mir erstaunlich schwer. Auf jeden Fall wird das Science Fiction-Konzept nicht mir blubbernden Synthies und futuristischen Sounds umgesetzt, sondern der Schwerpunkt liegt eindeutig auf dem emotionalen Gehalt der Geschichte, der in engagiertem Gruppenspiel und intensiven Vocals transportiert wird. Es gibt in den meist vielteiligen, ausladenden Songs schon die später so Magma-typischen hymnischen kobaïanischen Gesänge (siehe z.B. das stampfende "Stöah") in ausgeprägter Rhythmik, wenn auch nicht im Chor, sondern meist von Klaus Blasquiz alleine. Dazu Vanders kraftvoll treibendes Schlagzeugspiel, viele komplex auskomponierte quietschig meckernde Bläsersatz-Stellen (vor allem Sax, aber auch etwas Trompete und Flöte), die heute vielleicht etwas antiquiert klingen, außerdem jazzige Soli, denen man immer wieder die Coltrane-Inspiration (monotone Begleitungsfiguren a la "A Love Supreme") anhören kann. Ein möglicher Vergleichspunkt für manche Songs (z.B. Teddy Lasrys "Sohïa") sind die zeitgenössischen "Soft Machine" mit "Third". Aber auch andere Einflüsse werden verarbeitet, z.B. kann man aus "Auraë" durchaus heraushören, dass Vanders Vater ein Zigeuner-Geiger war. Claude Engels "Thaud Zaïa" hingegen weist deutliche moderne Klassik-Einflüsse auf, und "Naü Ektila" von Produzent Laurent Thibault überrascht mit ansonsten vollkommen "Magma"-untypischer sanfter Akustikgitarre und Oboe, während in Vanders "Müh" plötzlich ein kurzer fast latin-mässiger Groove auftaucht.

Die relative Sound-Vielfalt des Albums liegt sicher auch darin begründet, dass hier Christian Vander noch nicht zur alleinigen Führungsperson der Band aufgestiegen war. Zwar zeigt er sich mit sechs von zehn Stücken schon als Hauptkomponist, aber auch vier andere Bandmitglieder beteiligen mit eigenen Kompositionen.

"Magma / Kobaïa" ist vielleicht noch nicht das definitive Zeugnis dieser grossen Band, die mit den folgenden Alben ihren Sound auch radikal veränderte, aber ein auch heute immer noch intensives, originelles, vielseitiges Album, das den Startpunkt für eine einflussreiche und einzigartige Gruppe und Vision markierte.

Mit freundlicher Genehmigung von Udo Gerhards und den babyblauen Seiten

 
< Zurück   Weiter >