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Nach dem grossen Besetzungswechsel vor "Drama" bleib "Yes" keine Ruhe gegönnt. Howe und Downes verabschiedeten sich, um "Asia" zu gründen und Trevor Horn konzentrierte sich auf seine Produzententätigkeit. Bassist Chris Squire und Schlagzeuger Alan White taten sich nach einem kurzen, aber schnell eingebüchsten Versuch, mit Jimmy Page etwas neues aufzuziehen ("XYZ": eX Yes & Zeppelin), mit dem südafrikanischen Gitarristen Trevor Rabin zusammen, um ein Projekt namens "Cinema" auf die Beine zu stellen. Dabei sollte Rabin auch den Gesang übernehmen; da dies aber nicht zur Zufriedenheit der Beteiligten funktionierte, rief man kurzerhand Jon Anderson an. Dieser sagte zu, und plötzlich wurde "Cinema" zu "Yes" (übrigens ein recht ähnlicher Vorgang: kurz vorher wurde aus einer Band mit dem geplanten Namen "Discipline" eine Band namens "King Crimson"...). Allerdings übernimmt Rabin immer noch einige der Gesangsstellen auf "90125". Um noch einen dedizierten Keyboarder in der Band zu haben und das "Yes"-Erbe zu rechtfertigen, holte man noch Tony Kaye ins Boot, den Keyboarder der ersten drei "Yes"-Alben, der im Vergleich zum virtuosen Show-Man Wakeman eher als biederer Handwerker gilt. Allerdings ist seine Rolle nicht genau einzuschätzen, da auch Rabin als Keyboarder aufgeführt wird sowie Trevor Horn als Produzent der Platte in Sachen Keyboards und Programmierung seine Finger im Spiel gehabt haben dürfte.
Was ist jetzt von dieser neuen Inkarnation zu erwarten? Schon Cover und Album-Titel geben die ersten Hinweise. Vorbei sind die Tage üppiger Fantasy-Bildchen von Roger Dean wie in den frühen Siebzigern und wieder bei "Drama", stattdessen ein ebenso klinisches wie aussageloses Computer-Bildchen. Und dann der Albumname: ein Blick auf den Rücken der CD verrät uns, dass 90125 nichts anderes als die Katalognummer der CD bei "Atlantic" ist...
Und musikalisch? Trevor Rabin hat später mal gesagt, wenn er gewusst hätte, dass "Cinema" auf "Yes" hinauslaufen würde, dann hätte er speziell für "Yes" anders komponiert. So ist seine Power-Pop-Handschrift das prägende Element der Platte; dazu kommt dann nach, dass der damalige Atlantic-Präsident Ahmet Ertegun zu Squire meinte, dass diesmal ein Hit dabei sein müsse, wenn Atlantic die Band weiter unterstützen solle.
Und diesen Hit hatte man: "Owner Of A Lonely Heart", der einzige "Yes"-Song, den wahrscheinlich auch normale Radiohörer kennen. "Owner" war weltweit eine Top-10-Single und schob natürlich auch die Verkaufszahlen des zugehörigen Albums kräftig an; Ertegun war sicher zufrieden. Und die "Yes"-Fans?
Zu "Owner" muss man wohl kein Wort verlieren; den Song mit seinem markanten Eröffnungsriff, Harmonizer-Gitarren-Solo und makellosem Sound kennt eigentlich fast jeder. Auch in den anderen Songs ist vom schwärmerischen symphonischen Prog der früheren "Yes" wenig übrig geblieben. Ich würde das ganze "Power-Pop" nennen: straighte Songs mit netten Melodien und gewöhnlicher Rhythmik; für puren "Pop" ist es etwas zu rockig und gitarrenlastig, für "Rock" zu poliert und glatt produziert und allgemein zu harmlos. Abundan blitzen nette Ideen durch, zum Beispiel der a-capella-Anfang von "Leave It", der Sitar-Anfang von "It Can Happen" oder der proggige Anfang von "Changes", vielleicht ein kleines Häppchen für ältere Fans der Band, das aber schnell und unmotiviert durch einen hundsgewöhnlichen Pop-Rhythmus und Rabins Gesang abgelöst wird. Der einzige echte Hinhörer zwischen den ganzen recht normalen Power-Pop-Nummern ist das kurze Instrumental "Cinema", das wehmütige Erinnerungen an die grossen Alben der Siebziger Jahre "Yes" weckt. Gerüchtehalber ist "Cinema" nur ein kurzer Ausschnitt aus einem wesentlich längeren Song, von dem aber meines Wissens nie Aufnahmen aufgetaucht sind.
Positiv fällt noch die tolle Produktion von Trevor Horn auf: amtlicher Sound, viele - aber gut durchschaubare - Schichten und immer wieder kleine Details in den Arrangements. Wenn man die Platte als 80er-Pop/Rock-Produktion sieht, ist sie ziemlich gut; mit Prog hat sie aber nicht viel zu tun, ausser, dass sie der Band "Yes" sicher viele neue Fans beschert hat, die dadurch vielleicht auch andere "Yes"-Platten kennengelernt haben. Ausserdem hatte "Yes" mit dem Riesenerfolg von "Owner" und "90125" Hitparadenerfolgs-Blut geleckt und haben seitdem immer wieder - vergeblich - versucht, diesem Erfolg nachzulaufen (siehe "Big Generator", "Talk", "Open Your Eyes" und zu einem gewissen Grad - Beispiel Techno-Bassdrum in "Lightning Strikes" - auch in "The Ladder").
Mit freundlicher Genehmigung von Udo Gerhards und den babyblauen Seite
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