| The Mars Volta |
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| 3. November 2006 | |
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Wer befürchtete, dass der auf offensichtliche Flirt Mars Voltas mit Progressive Rock auf De-loused in the comatorium eine Eintagsfliege gewesen sein könnte, kann sich beruhigt zurücklehnen - natürlich nur, soweit das Zurücklehnen angesichts der neu vorgelegten musikalischen Tour de Force "Frances The Mute" überhaupt möglich ist: The Mars Volta drehen den Abgedrehtheitsregler hier von 7 locker auf 11, das aber paradoxerweise, in dem sie es im Vergleich zum überaus überdrehten, hektischen Vorgänger endlich gelegentlich ein bisschen ruhiger, aber eben nicht weniger seltsam angehen lassen. Die Band ist mit "Frances The Mute" endgültig mitten im Prog angekommen. Mehrteilige Longtracks von bis zu einer halben Stunde Laufzeit mit kryptischen Titeln, Teiltiteln und Texten, zyklischer Aufbau (das Album endet mit dem gleichen akustischen Gitarrenpart, mit dem es begann), Zwei-Seiten-Struktur (4 "kürzere" Stücke auf der ersten Seite, ein Longtrack auf der zweiten, das Ganze nur eben in CD-Länge), Coverdesign von Storm Thorgerson (ehemals Hipgnosis), Mellotron, krumme Rhythmen en masse, sprunghafte Wechsel zwischen ruhig-akustisch und treibend-elektrisch, ausufernde Instrumentierung, Wall-Of-Sound-Passagen mit Orchester, ein abgefahrenes Quietsche-Sax-Solo undundund. In einer seltsamen Mischung aus Unbekümmertheit und Größenwahn mischt die Band wie auf ihrem Debüt ihre heftig rockende Alternative Rock-/Emo-Core-Herkunft mit seltsamem, aufgeblähten Prog, Latin-Elementen und ausufernden Soundspielereien und konsolidiert und erweitert damit ihren ganz eigenen, direkt wiedererkennbaren Sound. Die Produktion hat diesmal Gitarrist Rodriguez-Lopez selbst in die Hand genommen, was dem Album gut getan hat: die Klangwelt von "Frances The Mute" ist ungemein vielschichtig und farbig und wesentlich dynamischer als die des von Rick Rubin bis an die Grenze des Machbaren totkomprimierten "De-Loused". Es wird gerockt, es wird psychedelisch gewabert, es gibt einen Ausflug nach Kuba mit der Salsa-Legende Larry Harlow, Red Hot Chili Peppers Bassist Flea darf in der Single "The Widow" elegisch trompeten, und ein kleines Orchester sorgt zwischendrin immer wieder für orgiastischen Bombast. Sänger Cedric Bixler mit seiner bekannten, hoch-gepressten Stimme wechselt - manchmal in der gleichen Strophe - zwischen englischen und spanischen Texten, wobei ich mir fast wünschen würde, dass Mars Volta komplett in Spanisch arbeiteten, da die spanische Sprachmelodik besser zur Musik und Bixlers Gesang passt und man obendrein auch die englischen Texte nur in den seltensten Fällen ohne genaues Hinhören verstehen kann... Natürlich funktioniert nicht alles. Manche der immer wieder auftauchenden Waber- und Effekt-Passagen dürften deutlich kürzer sein: gerade der Übergang vom ruhigen "The Widow" zum fast Latin-Funk des eigentlichen Beginns von "L'via L'viaquez" mit drei Minuten elektronischem Gewaber zieht sich gewaltig, ebenso das Gefiepe zwischen "L'via L'viaquez" und "Miranda, That Ghost Just Isn't Holy Anymore". Dazu kommt, dass Gitarrist Rodriguez-Lopez ganz gerne rumfriemelt, aber kein sonderlich inspirierender Solist ist. Auch der Einsatz des Orchesters ist nicht so originell, wie ich es mir wünschen würde: es wird hauptsächlich als nobler Teppichleger in hymnischen Passagen genutzt. Da diese Art des Einsatzes aber punktuell und damit effektiv bleibt, ist das verschwendete Klang-Potential nicht ganz so ärgerlich. Wie weit kann die Nicht-Prog-Welt der Band auf Ihrem Weg zur Abgedrehtheit folgen? "De-loused in the comatorium" war wohl sowohl kommerziell erfolgreich als auch bei Kritikern beliebt. Ob dies mit dem komplett kompromisslosen "Frances The Mute" genau so sein wird, wage ich nicht vorherzusagen. Musikalisch ist es - trotz der oben angesprochenen kleinen Mäkel - ein mutiges Meisterstück mit Meilenstein-Potential. Die Frage ist nur: Meilenstein auf dem Weg zum Prog-Revival oder auf dem Weg zum Untergang der Band? Für die Prog-Welt dürfte "Frances The Mute" jedenfalls jetzt schon zu den wichtigsten und aufsehenerregendsten Veröffentlichungen des Jahres zählen - zu recht.
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| Letzte Aktualisierung ( 3. November 2006 ) |
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